Haiku Exposing

Am 5. März 2016 eröffnete Sabine Uhdris, Galeristin des LOSTUDIO im hessischen Büdingen, die Ausstellung Primavera. Eine Frühjahrsschau mit Werken von Tiina Laasonen, Christiane Klisch und zwölf meiner fotografierten Haiku.

Hier ein Auszug aus der Laudatio von Britta Acquistapace:

Der deutsche Fotokünstler Martin Timm geht mit seiner Fotografie unkonventionelle Wege. Timm, der in Ratingen, in der Nähe von Düsseldorf lebt, setzt nicht nur eigene künstlerische Projekte um, die bisher in zahlreichen Werkschauen zu sehen waren, sondern vermittelt sein Wissen auch als Dozent im Rahmen von Fotografie-Workshops. Sein Erfindungsreichtum im Hinblick auf die Entwicklung und Umsetzung neuartiger Themen ist groß, und beruht in erster Linie auf der Gabe, abseits bekannter und tradierter Schemata zu denken und zu fotografieren.

Die im Kontext dieser Ausstellung gezeigte Serie von Arbeiten ist von der japanischen Kultur und Philosophie inspiriert und reflektiert das Spannungsfeld objektiver Strukturen und emotionaler Konnotationen in der Wahrnehmung von Natur. Japanische Haiku dienen dabei als Impulsgeber: Die traditionelle japanische Gedichtform Haiku besteht üblicherweise aus drei Zeilen aneinandergereihter Wörter, die Konkretheit und den Bezug auf die Gegenwart widerspiegeln sollen. In diesen kurzen Texten wird nie alles gesagt, sondern soll sich im Zusammenhang erschließen. Das Resultat sind offene Texte, die sich erst im Erleben des Lesers vervollständigen.

Martin Timm überträgt diese unverzichtbaren Wesensmerkmale des Haiku in das Medium Fotografie. Der Künstler greift dabei auf die Beobachtung des Moments zurück: Nicht, wie etwas aussieht, wird fotografisch festgehalten, sondern was gerade geschieht. Er bildet keine Dinge ab, er lässt die Macht der Dinge selbst, die von der Natur auf uns geworfen wird, neue Welten malen. Die fotografischen Arbeiten ruhen in sich selbst. Ohne Anlehnung an ein Gestern oder Morgen. Ruhig, fragil und fast real im hier und jetzt. Kunst entsteht dabei, und trotzt dem eigentlich so technischen Medium Fotografie.

Martin Timm ist ein Lichtbildner im beste Sinne. Er führt den Betrachter in Welten, die er noch nie betreten hat. Nachdem sich die Natur- oder Landschaftsfotografie objektiv betrachtet in den letzten hundert Jahren kaum weiterentwickelt hat, sich vielmehr immer wieder selbst zitierte, ist es anhand des künstlerischen Werkes von Martin Timm sehr erfrischend zu sehen, dass dieses Genre doch noch Potential besitzt, ganz neue Ansätze und eindrucksvolle Bildergebnisse hervorzubringen.

Seine „Haikubilder” verlangen ein aktives Sehen, fordern Muße, die wir uns nur noch selten gewähren. Martin Timm ist ein Transporteur der Stille, dessen Werke sich uns in der Emotion erschließen. Vorsicht: spannend!

Britta Acquistapace