Haiku Reflex

https://www.youtube.com/watch?v=0cHb_dBGwn8

Fokus und Bokeh

Die klassische Makrofotografie meint genau das, was sie deutlich zeigt. Nichts anderes. Der Fokus sitzt im Fokus. Felsenfest. Ist das Gemeinte undeutlich, taugt das Foto nichts. Nur Klares ist Wahres - und das Bokeh dient allenfalls der Atmo, mehr nicht.

Beim fotografierten Haiku scheinen die Verhältnisse sich gedreht zu haben. Als hätten Deutliches und Undeutliches die Rollen getauscht. Plötzlich geht es nicht mehr ums Klare. Klassisch fokussiertes Makro hat ausgedient, die Schärfe hat ihre Schuldigkeit getan, in kleinen Arealen des Bildes kann sie sich zur Ruhe legen, möglichst nicht in der Mitte.

Wie und wo genau liegt nun die Grenze, an der da Fokus und Bokeh. die Plätze tauschen?

Die Antwort hat ein merkwürdiges Bett, sie liegt im - Nichts. Sagen wir: im Nebulösen - ähnlich wie bei den seltsamen Paradoxien der alten Koans, auch die verweisen ja jeden klaren Verstand auf seine erkenntnistheoretischen Grenzen: Nichts werde jemals lupenrein sein, nicht mal ein Konzept, auch kein noch so kluges, auch kein bildnerisches. Diese Haltung kommt wie ,gedankliches Bokeh' daher und gehört zum fernöstlichen Duktus wie die werdende Patina zum welkenden Grashalm. Das kann man komisch finden.

Nun wachsen manche Ideen aber gerade an den Grenzen besonders gut, wo sie Schultern zucken lassen und Stirnen kräuseln. Hier, wo sie ihren Raum für Widerspruch bieten, kann man sie meist am besten gießen, denn hier gibts die besten neuen Knospen. Erst Grenzen wie diese machen Ideen für mich lebendig, verbinden sie also mit all dem, was wächst und welkt. Oder mich ins Wanken bringt, ich kenne das sehr gut. Und Kunst? Ist es da genauso?

Ja, auch bei Kunst wanke ich schon mal. Anders als die alten Dichter der japanischen Klassik. Wie es heißt, haben die sich nämlich nie dafür interessiert, ob ihr Werk so etwas wie Kunst sei. Der Terminus war längst obsolet, bevor es ihn überhaupt gab. Viel zu egozentriert, kulturell zu nieder - es macht Sinn, die Erfindung mancher Begriffe erstmal zu verschieben. Die Dichtenden sahen sich im Dienst von Höherem.

Die meisten waren Mönche, das Dichten ihre natürliche, fast tägliche Praxis, ihr Tun haben sie einfach gelebt. Dies weniger aus Lust am Gehabe irgendwelchen Künstlertums als im Bewusstsein einer völlig organischen Pflicht: die, mit einer ästhetischen Disziplin eine Tradition zu pflegen, um das kulturelle Ich lebendig zu halten. Sie nannten sich Haijin, ganz einfach: Haiku-Menschen. Wir, nunja, wir fotografieren - und manchmal schälen wir Kartoffeln. Ist eines davon Kunst? Oder beides?

Mein Dank an dieser Stelle gilt gerade auch denen, die hinterfragen; sie beflügeln den Reflex. Und auch Ideen brauchen Patina. Hier ein angenehm kritisch kommentiertes Interview mit Martin Breutmann aus dem Blog des fotoforum Verlags.