Rundbrief in die Stille

Wenn eine Ahnung zu raunen beginnt

Liebe Freunde guter Bilder, es ist grad so schön ruhig da draußen - gestattet Ihr mir da eine Frage? Warum keine Lesezeichen? Oder Shampooflaschen? Keine Ü-Eier oder Imbusschlüssel-Sträußchen? Nicht Duftbäumchen oder ich weiß nicht was? Nein, wir nehmen Klorollen. Why the hell!, denkt es mich zunächst, aber nunja...

Lotussitzend meditierte ich jüngst vor der Leere - also der eines Regals. Wie immer wollte ich Aspekte des Weltsinns erkunden. Vor den Augen der Filialleitung, die sich besorgt hinzugesellte, mich nach einem Handzeichen aus Abstandsgründen aber gewähren ließ, keimte etwas in mir. Wie ein zögerlicher Weizenspross. Eine Art Ahnung begann, mir etwas in den Geist zu raunen. Über eine noch unentdeckte Facette des Menschlichen:

Die dystopische Aussicht, nicht mehr Herr oder Dame der Dinge zu sein, verbergen wir doch gern hinter einer im wörtlichen Sinne anrüchigen Metapher: Retten wir uns, dann flüstert der Sprachgebrauch, wir retten unseren Hintern - unser Symbol fürs Innehalten, und darum geht es möglicherweise. In Krisen wie diesen.

Wenn Phönix die Bastelstunde rettet

Gerade in der aktuellen Häuslichkeit umwirbt uns ja auch die uns fremdgewordene Lust zu verweilen, sich zu besinnen im Sinne der Selbstvergewisserung. Nicht nur, um die Langeweile zu vertreiben, nicht zuletzt ja auch, um mal wieder zu checken, ob man eigentlich noch mit sich selbst klarkommt. Und wo im Hause halten wir am schnellsten inne? Wo raunt es am leichtesten? Richtig – und folgenden Satz Blaise Pascals möchte ich nicht übersetzen, denn er lässt uns die Rollen kaufen:

„Tout le malheur des hommes vient d’une seule chose, qui est de ne savoir pas demeurer en repos, dans une chambre.“

Tatsächlich führt die aktuelle Rollenlust nicht nur ins Bad, sondern auch zu warmherzigen Qualitäten. Wie Phönix aus der Asche hebt in der Pascal’schen Klause sie sich unvermittelt empor: die verlorene Lust auf die gute alte – Bastelstunde!

Eine Rolle wird verrückt vor Glück.

Wer mich kennt, weiß: Ich bin es, der den Weg geebnet hat. Vor Jahren schon. Ich bin nämlich Erfinder, und zwar der der Klorollenfotografie. Bereits im letzten Jahrhundert habe ich dieses Tor geöffnet durch eine bahnbrechende Entdeckung. Nämlich die der beschaulichen Berührungslinie zwischen physischem und fotografischem Glück:

Die EU-Normklorolle hat eine geheime Sehnsucht. Sie wünscht sich nichts lieber, als sich in den deutschen M42-Adapter hineinschmiegen zu lassen! Das habe - mit Verlaub - ich! ich herausgefunden. Und wie sich diese Sehnsucht erfüllen lässt. Diese Entdeckung ruft den Geist von keinem Geringeren als einem Herrn aus Vinci wieder auf den Plan. Der ist froh wie diese Rolle über diese beschauliche kleine Renaissance. Bitteschön: Eine kleine Bastelstunde 

Wenn zum Drama die Sonne scheint

Spaß beiseite, die Zeiten wollen gewichtig sein. Derzeit sehen die einen Apokalyptische Reiter vor einer nahenden Gewitterfront, die anderen verharmlosbare Gespenster - Geister, die irgendwer in China rief, damit wir alle sie nicht mehr los werden. Spätestens seit Kant wissen wir aber auch, dass die Wirklichkeit nur selten sachlich ist, sondern ein Spiegel eben jenes Geistes, der vermeint, sie erkennen zu können. So hat der Herr aus Vinci den subjektiven Blickwinkel wiederentdeckt.

Vielleicht kommt mir deshalb eine seiner zentralperspektivischen Zeichnungen in den Sinn. Oder der Vitruvianische Mensch. Um mich zu ermuntern, irgendwie vielperspektivisch im Bilde zu bleiben. In beiden Richtungen kann ich plausible Bilder sehen, die Reiter und die Gespenster. Das macht mich nachdenklich. Über all das, was ich über uns und mich so denke und fühle, ahne oder sogar zu wissen oder in die Tonne treten zu müssen glaube. Gut, dass ich gerade Zeit dafür geschenkt bekomme. Und dass die Sonne scheint.

Leonardo hat nie behauptet, dass es zentrale Perspektiven nur beim Horizontalblick gäbe. Also sehe ich nach oben. Ich denke, Göttliches und Sinn kommt immer aus Meta-Sicht. Nicht in der Tiefe derer, die so beneidenswert sicher zu wissen scheinen, worum es wirklich geht. In dem, was aktuell die Medien füllt. Und die Diskussion über Kopftücher oder ein Vermummungsverbot unbemerkt verstummen lässt.  

Wenn das Kluge Pause braucht

Toll, dass wir gerade versuchen, uns in menschliche Qualitäten einzuüben, die aus Begriffspaaren bestehen: Behutsamkeit und Zurückhaltung, zugleich aber auch Disziplin und Präsenz. Diptychen sind so unglaublich lehrfreudig! Nähe praktizieren durch Wahrung von Distanz – was für ein spannender Spagat. Mich ermuntern dazu aber weder Politiker noch Virologen oder Verharmloser – nein, es sind andere: mir nahestehende Menschen, die zur Risikogruppe gehören. Zufällig. Nur weil sie alt sind.

Von ihnen darf ich versuchen, das zu lernen. Oftmals weniger durch das, was sie sagen, als durch das, was sie schweigen. Was sie lächeln, manchmal sogar kichern oder einfach in den Raum fragen. Und klug, das muss ich da gar nicht sein - was für eine Erleichterung. Das ist nicht, was sie sich primär wünschen...

Wie oft habe ich genau dies auch schon über Fotografie und Kunst gedacht, in Kursen sogar behauptet, diskutiert, und hier spüre ich ihn hautnah: diesen feinen, nuancenreichen Bindfaden, der sich zwischen uns und unseren Bildern ansiedeln möchte. Kraftvoll und doch immer auch fragil. Wie dankbar bin ich diesen Menschen, weil sie alt sind, mir nahestehen und mir so etwas aufzeigen. Auch wenn sie sich diesen Frühling sicher anders gewünscht hätten. 

Wenn Ferne zu Nähe wird

Neben aller Tragik eines jeden einzelnen Schicksals, das die Berichte hinter diesen ständigen Zahlen zu verstecken scheinen, wächst aus der erstaunlich brutalen Sprachfantasie ,Social Distancing’, was hoffentlich zum Unwort des Jahres wird, damit das genaue Gegenteil, und das beeindruckt mich:

Wir achten auf den Raum zwischen uns und rücken einander eben dadurch näher. Nicht nur im Netz oder auf Balkonen, sondern auch, wenn sich plötzlich Menschen helfen, die sich kaum kennen. Wir lernen, Neues zu kennen. Durch neue Formen, die sich aus polaren Begriffspaaren ergeben. Etwa Anstand und Abstand.

Und tatsächlich scheinen es nie Einseitigkeiten zu sein, sondern Begriffspaare und die Spannungsräume, die sie beherbergen. Sie scheinen das zu sein, was unsere Bilder ebenso retten kann wie uns selbst. Neben Paaren wie Chaos und Kosmos, Chronos und Kairos, Beständigkeit und Beweglichkeit, Freiheit und Gebundensein sehe ich gerade auch in dem feinen Umgang mit Nähe und Distanz eine der unverbrüchlichen Schlüsselqualitäten guter Bilder. Bilder, die wir fotografieren, malen, basteln, singen, tanzen oder einfach in uns tragen und mit anderen zusammen ausleben können. 

Wenn es wieder Kurse gibt

Klar kommen die. Auch wenn die allernächsten Termine gerade hinweg getänzelt sind und für längerfristige Prognosen uns allen das Nostradamische fehlt. Meine Partner, Artistravel, der Benediktushof im Fränkischen Holzkirchen, die Sommer- und Winterakademie der Alanushochschule in Alfter, die Internationale Kunstakademie in Heimbach, das Fotohaus Wolbring in Coesfeld, die Fotoschule und das Festival in Zingst und natürlich auch wir drei von WennHeldenReisen - alle üben sich im Harren und Scharren.

Passend zur jetzigen Phase stehen einige schöne Anfragen im Raum. Etwa nach ortsunabhängigen Kursen, Privatstunden und Coachings. Es geht darum, ob ich Seminare, Vorträge und Bildbesprechungen online durchführen könnte. Für Privatstunden und persönliche Coachings läuft das ja schon seit Langem – dennoch freue ich mich über diese schöne Anregung. Ich schaue, wie ich das erweitern kann. Wenn Genaueres absehbar ist, sorge ich für eine sichtbare Depesche. Praktisch ist ja auch, dass das zeitlich flexibler, individueller und für Euch kostengünstiger wäre. 

Wenn ein Vogel mich gedeihen lässt

Einen besonderen Piks macht mir – wenn ich das noch in eigener Sache sagen darf: Zingst. Ich liebe das Horizonte-Festival an der Ostsee, hatte mich riesig gefreut, vier Veranstaltungen hatten wir dort geplant, eine wunderbare mit meinen beiden Mithelden von WennHeldenReisen, und jetzt müssen wir alles verschieben.

Unter anderem ein Seminar, das mir persönlich sehr am Herzen liegt, seit Monaten füttere ich es wie einen jungen Vogel: Es geht um ,das Absolute’ – in der Fotografie, ja in der Kunst überhaupt. Mein absolutes Herzblut, neben Haiku und Vanitas. Vielleicht nicht das gefälligste, aber sicher eines der besten Themen über das, was Fotografie für unsere ganz persönlichen inneren Bilder, Wünsche und Haltungen leisten kann. Nun darf es eben noch weiter reifen, manch gutem Roten tut so etwas ja auch gut.  

Ach ja, das viele Klopapier

Wer will, kann weiter die Regale leeren. Für die wirklich Bedürftigen am besten aber alles sorgsam abwickeln und gleich danach wieder zurück in die Regale legen. Frisch, aseptisch und fein säuberlich zurückgerollt. Nur die leeren Papprollen, die vielleicht behalten.

Denn beim Meditieren vor der Leere kam mir folgende Eingebung: Wenn Ihr viele davon spiralförmig gebogen hintereinandertackert, rauschen sie am Ohr wie eine Südseemuschel. Wenn man gut festhält und das dann alle tun, sieht es nicht nur lustig aus, es verbindet Menschen. Wenn darüber sich dann jeder freuen kann, ist die Menschheit bald wieder gesund.

PS: Von mittlerweile mehreren hunderttausend Genesenen berichtet die J.H.-University auch. Jeden Morgen. Plus Dunkel-, nennen wir sie Lichtziffer.

(Sonder-Newsletter vom 4. April 2020)