2. Rundbrief in die Stille

Es geht um Fotografie. Aber dieser Rundbrief ist auch nachdenklich. Vielleicht seht ihr mir das nach...

.

--------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Covidiale Ruhe

Auf dem Olymp rumort es. Die Götter wollen wieder, dass wir immer noch innehalten: Ihr da unten, heißt es, runter von den goldenen Thronen. Sucht euch einen guten Ort. Schließt euch mal ein, ganz allein. Und setzt euch richtig nieder. Und besinnt euch. Ungestört. Der Poesie eurer Schweigsamkeit.

Pssst. Stille.

Bis über die Bilder aus den Tagesthemen sich ein feines himmlisches Raunen legt, das sich langsam in feines Fiepsen wandelt:

Das feine Fiepsen etwa einer Meise wider das Getöse von Kreuz-und-Schrägdenkern aus den Tagesthemen, von dösigen Rechtslastigen, wütigen Narzissten und sonstigen Leugnern von allem. Wider die Bilder hinterm transatlantischen Gewässer, wo ein tumber Trampel mit Golfschläger den Geschicken trotzt und seit Wochen alle Welt damit in Atem hält.

Als gäbe es nichts Größeres zu tun weltweit. Sie alle haben keine Meise. Leider. 

Poesie des Fiepsens

Atmen, Durchatmen, InSpiration.

Da locke ich einen Geist genau dorthin, wo ich mich verloren hab, und der lockt mich wieder zu mir selbst zurück. Vielleicht in Gestalt einer Meise, warum nicht.

Früher waren es Grotten, an denen eine Offenbarung geschah, Quellen, Wasserfälle oder Anhöhen mit Hainen, an denen man eine Erscheinung hatte, eine Eingebung; die Musen wohnten im Gebirge - heute hat jeder einen Ort dafür zuhause. Für gute Werke kommt eine wohlmeinende Muse manchmal auch dahin. Bestimmt kennt ihr diesen leisen Meisenfieps, den ein Musenküsschen auf der Wange macht.

Visionen, Sanftmut. Damit wir Bilder in die Welt setzen, die die Welt verträgt. Zumindest Wohlgeräusche der Friedfertigkeit. Ob für Augen oder Ohren: Wir brauchen gute Bilder. 

Anmut des Innehaltens

Meise, öffne mich. Lass mich hinsehen, zuhören, nachdenken und wenn es sein muss, einschreiten. Beherzt. Aber dich dabei nie aus dem Blick verlieren. Jeder Fieps, ein Liebesbrief. An uns gegen Grusel und Getöse des Menschseins aus den Tagesthemen.

Damit wir unsere Gefühle reinigen, gute Gedanken bekommen und diese dann in die Welt setzen. Als Bilder, die wir gern machen.

Fotografieren ist eine der leichtesten Arten innezuhalten und Spuren der Anmut zu hinterlassen. 

Frühlingsliebelei

Meisen sind fast immer da. Fast überall. Auch wenn wir sie nicht sehen. Fiepsen mal solistisch, mal orchestral, halten stets Distanz und zeigen doch Präsenz und: zetern niemals über Virologen.

Sicher singen sie zeitgemäß von Schmerz, von Opfern, Ängsten, Melancholien, das müssen Lieder auch können, aber immer auch von künftigen Freuden: dass etwa bald die Tage länger werden, die Frühlingsliebeleien näher kommen und auch all das nicht ohne Sinn sei.

Klar, auch sie haben bestimmt ihre gruseligen Tagesthemen, Aber irgendwas machen sie richtig. Zumindest richtiger als wir. Sonst würden sie andere Gesänge und mich andere Bilder machen lassen. 

Stillsein mit der Kamera

Das Schönste in jedem meiner Fotokurse: Ihr dürft immer, immer Meisen fotografieren! Nach Herzenslust.

Aber wenn, dann nicht bewegen. Nicht reden. Kamera auf Leise stellen und nicht immer gleich ein Foto machen. Wahren wir deren Distanz.

Lernen wir, wie viel Tiefe und Unmittelbarkeit wir gerade auch in der Distanz erfahren können. Lernen wir, etwas aufzunehmen, um uns vertrauter zu machen, was wir noch nicht wussten. Und dass unsere Bilder dann wahre ,Aufnahmen' sind, die wirklich widerspiegeln, was wir in uns aufgenommen haben.

Kunst machen heißt eine Erfahrung machen. Gut fotografieren heißt eine gute Spur aus einer frischen Erfahrung machen. 

Und fiepst ruhig mal mit.

Wir brauchen gute Bilder und gute Geräusche. Zumindest bessere als die aus den Tagesthemen. Fotografie lebt nicht nur vom gemachten Klick. Ein gemachter Klick setzt allzu schnell einen Haken unter eine Erfahrung, die wir vielleicht noch gar nicht gemacht haben. Und das Digitale bricht eine mögliche Erfahrung allzu schnell auf die Banalität einer Datei herunter, die nicht mehr einmalig ist.

Manchmal steckt das beste Bild in der Stille eines nie gemachten Fotos.

------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Kann Kultur Hobby sein?

Ist Kunst nur für die Freizeit? Oder zum Schönfinden? Schön, wenn Fotografie Spaß macht! Und schön, wenn sie gut aussieht. Aber fürs Sinnliche allein ist Genuss auf Dauer wohl nicht da. Irgendwann muss er auch nachdenklich machen können, uns für die richtigen Fragen öffnen, uns weiterbringen. Auch der Geist ist ein Küken mit offenem Schnabel.

Fotografie ist Kunst, Kunst prägt Kultur, die prägen wir, und die prägt uns. Und bei Menschen ohne Kultur sind wir vorsichtig. Zu recht. Die brauchen dringend Meisen.

Schneeglöckchen tuns übrigens auch:

(Pssst: Die kommen übrigens bald!)

---------------------

© Martin Timm

Für das nachdenkliche Porträtfoto danke ich Birgitta Petershagen Fotografie Köln.